Der deutsche Experimentalfilmer und Regisseur Lutz Mommartz (*1934) ist am 26. Juli 2025 mit 91 Jahren in Düsseldorf verstorben. Er prägte über fünf Jahrzehnte lang die deutsche Film- und Kunstszene mit einem radikal anderen Verständnis von Film. Mommartz stand für „das andere Kino“, jenseits des Mainstreams, mit dem Ziel, Film als künstlerisches Ausdrucksmittel zu etablieren.
1975 wurde er zum ersten Professor für Film an der Kunstakademie Münster (damals Außenstelle der Kunstakademie Düsseldorf) ernannt und leitete die Filmklasse bis 1999. Die Filmklasse war maßgeblich mit der Entstehung der Filmwerkstatt Münster verbunden.
Zwei Filmemacher und –produzenten – und ehemalige Studenten der Filmklasse Münster – erinnern sich:
Als einer ersten Mitglieder der Filmwerkstatt, und damals Werkstattleiter für Film und Video an der Kunstakademie Münster, erinnere ich mich gut an die bewegten Jahre, die zur Gründung der Filmgruppe Münster führten.
Lutz Mommartz war 1978 an das damalige „Institut für Kunsterzieher der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf“ berufen worden und gründete dort die Filmklasse mit einer Gruppe aktiver Studenten und Studentinnen.
Als die ersten Examen anstanden wurde klar, daß nicht alle unbedingt als Kunstlehrer in die Schulen wollten, ihre Zukunft mehr in dem Medium Film sahen, aber mit dem Verlassen der Filmklasse die Produktionsmittel der Kunstakademie für weiter Projekte nicht mehr zur Verfügung stehen würden.
Es war dann Lutz Mommartz, auf dessen Initiative hin zusammen mit interessierten Studenten überlegt wurde, wie man in der Medien-Diaspora Münster eine Infrastruktur zur Realisation filmischer Projekte aufbauen und etablieren könnte.
Es wurde schnell klar: Um Fördermittel von der Stadt Münster und dem Land NRW beantragen zu können, musste ein Verein gegründet werden.
Dabei war der Rat von Lutz Mommartz als früherem Beamten der Stadt Düsseldorf äußerst hilfreich.
So wurde dann 1981 der gemeinnützige Verein „Filmgruppe Münster e.V. gegründet, dem die Stadt Münster die erste Etage des „Pumpenhauses“ überließ.
Dieses Gebäude ist ein 1903 eröffnetes Abwasserpumpwerk, das 1975 ersetzt wurde.
Um die Nutzung des alten Gebäudes entwickelte sich ein Streit im Stadtrat. Eine Bürgerinitiative wollte darin ein Kommunikationszentrum einrichten, eine Lösung, die der Stadt zu teuer und auch offensichtlich politisch suspekt war.
Sie propagierte eine Konzeption als „Künstlerhaus“ und suchte Gruppen, die dort arbeiten wollten.
Da kam dann Lutz Mommartz ins Spiel, er erreichte, daß die neu gegründete „Filmgruppe Münster e.V.“ Räume in diesem Pumpenhaus beziehen konnte, auch die große Pumpenhalle als Studio für Projekte der Filmgruppe nutzen durfte.
Später wurde das Pumpenhaus von der Theateriniative Münster, der T.i.M., renoviert und – bis auf die Räume der Filmgruppe – übernommen.
Lutz Mommartz und die 1. Generation der Studenten und Studentinnen der Kunstakademie Münster haben 1981 den Grundstein für die heutige Filmwerkstatt und eine lebendige Medienszene in Münster gelegt, die bis heute aktiv ist.
Dieter Fietzke

Wie Lutz Mommartz Filmprofessor wurde
Vorweg, Lutz war ein spaßiger Kerl, der eine Gabe hatte andere davon zu überzeugen, dass sie das Richtige tun. Wir Filmklässler hatten ein paar Jahre, in denen sehr viel passierte; Erfolge, die aber an keine Messlatte gelegt wurden. Fünf bis zehn Studenten, die in einem Boot eine Reise machten, aber ohne Sicht auf das reale Ufer nicht wussten, ob sie voran kommen. Und der Steuermann…?
Lutz Mommartz war ein Verwaltungsangestellter der Stadt Düsseldorf, der in seiner Freizeit ein Eulenspiegel in der dortigen Künstlerszene war. Er rückte mit seiner 16mm Bolex Kamera den Leuten unvermittelt auf die Pelle oder warf sie während der Aufnahme hoch in die Luft. Die respektlose Art mit dem Medium umzugehen brachte ihm bei dem renomierten Experimentalfilmfestival in Knokke, Belgien einen Filmpreis. – Zu dieser Zeit (Anfang der 70er Jahre) rumorte es unter linken Kunststudenten in Düsseldorf und Münster, man brauche ein Sprachrohr für politische Fingerzeige. Die Professoren in Düsseldorf fanden das Begehren zu schnöde und schoben die Aufgabe dem Institut für Kunsterzieher in Münster zu. Für die Schulkunst hatte die ehrwürdige Akademie dort ihre Außenstelle.
Auf die ausgeschriebene Stelle bewarb sich unter anderem Adolf Winkelmann, der zur Vorstellung eine filmische Umsetzung eines Heftchen-Liebesromanes zeigte, worin die Adelskreise nicht gut davonkamen. Das sarkastische Werk gefiel den Studenten, aber nicht den Künstler-Professoren. Da kam Lutz ins Spiel. Prof. Hans-Paul Isenrath nahm den städtischen Verwaltungsmann zur Seite und riet ihm, den Kamera-Brumküselhochwurffilm ’Selbstschüsse’ und den Brumküselfilm ’Markeneier’ zu zeigen. Dort sieht man bis zu 30 Eier, die Lutz mit flinker Hand in Drehung versetzt. Soweit ich mich erinnern kann, besteht der fünfminütige Soundtrack aus einem dichten Teppich des Wortes ’Ei’. Er war tatsächlich witzig und ein Erfolg.
Ich war der erste Student, der in die neu gegründete Filmklasse kam. Vier Semester Malerei waren vorbei und ich hatte mit einem Super-8 Film erfahren, dass man die Zuschauer für die Dauer der Vorführung festhalten konnte – anders als mit Bildern, an denen man vorbeilief. Nun auf einem ausgedienten WG Sofa mit einem Professor allein zu sitzen, behagte mir allerdings nicht. Wir hatten auch kein Pensum, welches man abarbeiten konnte. In meiner Not überredete ich vier Mitstudenten mal ein Gastsemester hier in dieser Runde einzulegen. Da nun mit geballter studentischer Geisteskraft Filmtheorie als Bildungsschwerpunkt ausgerufen wurde, erkundigte sich Lutz, was wir denn da so zu lesen empfehlen? „Siegfried Kracauer: Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit“. Dieses Buch hat uns allen geholfen durch das Studium zu kommen. Nur schade, dass es nicht Lutz war, der es vorgeschlagen hatte.
Professor Lutz Mommartz hatte einen festen Dienstplan. Er kam um 10 Uhr und um 14:00 Uhr musste er zum Zug, denn sein Zuhause blieb immer Düsseldorf. Der plötzliche Ausruf „Ich muss zum Zug!“ ist denn auch in einigen Filmen als essentielle Wendung aufgenommen worden. Aber bis dahin war er für alle da und hat sich alles angesehen und angehört. Somit wurde er ein Kristallisationspunkt, an dem Projekte wuchsen, die nicht seine waren, aber die ohne ihn nie entstanden wären. Die Klassegemeinschaftsfilme sind ein Unikum dieser Studienzeit. Ich glaube solche Projekte hat es vorher und hinterher nicht gegeben. „Macht doch mal einen Tanzfilm“ konnte ein Initialsatz sein und dann legten wir los. „Mambo“ wurde dann das Projekt, das ich mit einem Stapel Kinder- und Teenieplatten aus meiner Jugend fütterte. Einen Stich gibt es mir heute, wenn ich lese, das dieser Film in der Autorenliste von Lutz erscheint.
Die Professoren einer Kunstakademie sind keine Ikonen, in deren Fußstapfen man treten möchte, aber man sieht wie Talent und Beharrlichkeit einen Lebensweg bestimmen. Manche bewegen sich aber in einem Strudel, der andere mitzieht. Auch das kann einen Studenten vorwärts bringen. Der Weg von Lutz Mommartz lief vielleicht an einem Spiegel entlang, in dem die Begleiter nur von 10:00 bis 14:00 Uhr sichtbar waren.
In Erinnerung an den Lehrer der Filmklasse des Institutes für Kunsterzieher der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf.
Wolfgang Braden




Mehr Informationen