Filmplädoyer vom Alexander Scholz, Leiter der Duisburger Filmwoche vom 3. Mai 2026 im Schloßtheater Münster zur Filmreihe „Text in Szene“, Duisburger Filmwoche zu Gast beim filmclub münster:
Ein Plädoyer zu halten heißt, einen Text nicht einfach vorzutragen, sondern ihn in eine Situation zu bringen. Ihn zu adressieren, zuzuspitzen, hörbar zu machen – und ihn damit auch ein Stück weit zu inszenieren.
Dass eine Filmreihe mit dem Titel „Text in Szene“ ausgerechnet mit einem „Plädoyer“ beginnt, ist also ziemlich passend. Denn schon mein Sprechen hier folgt einer Form, die zwischen Lektüre und Aufführung steht – ein Text im Vollzug gewissermaßen.
Und obwohl Worte wie „Plädoyer“ oder „Vollzug“ nach Verfahren und Urteil klingen, soll dieses Plädoyer eher als Einladung verstanden werden – als ein Angebot, sich gemeinsam auf etwas einzulassen. Zunächst vielleicht auf eine Vorstellung:
Stellen wir uns einmal vor, ein Film würde nichts anderes zeigen als Menschen, die lesen. Wir sähen Protagonist:innen still auf der Couch oder am Schreibtisch sitzen, unbewegt, zwischendurch blätternd. Man müsste sehr genau hinsehen – vielleicht suggestiv –, um zu vermuten, ob das Lesen unterschiedlicher Texte auch unterschiedlich aussehen könnte. Man sieht nicht, ob jemand Texte von Hermann Melville, Ingeborg Bachmann, Paul Celan oder Norman Manea liest. Der Akt des Lesens selbst scheint visuell wenig herzugeben. Man könnte sagen, so ein Film stelle die Unübersetzbarkeit des Lesens ins Filmische dar. James Benning hat diesen Film gemacht. In READERS zeigt er, dass das Lesen von Schrift und das Sehen von Filmen sehr verschiedene Wahrnehmungsmodi sind – und dass es zwischen ihnen Übersetzungen braucht.
Die Filme, die wir hier in den kommenden Tagen sehen werden – allen voran B WIE BARTLEBY von Angela Summereder – widmen sich solchen Übersetzungen auf so virtuose wie reflexive Art. Sie verstehen Lektüren als aktiven, bildgebenden Umgang mit Text. Sie suchen filmische Formen nicht nur für den Inhalt der Texte, sondern für die Praxis ihrer Adaption. Deshalb wird in ihnen das Lesen als lautes Vorlesen erprobt, werden Textinhalte aufgeführt. Es wird über die Konstruktion von Wirklichkeit und Fiktion im Lesen nachgedacht – und das als ein Akt begriffen, an dem sowohl die gegenwärtig Lesenden als auch historische Autor:innen beteiligt sind.
B WIE BARTLEBY geht dabei besonders konsequent vor, weil er die repetitive dramaturgische Form seiner literarischen Vorlage annimmt – während er sich ständig selbst befragt, ob der Text überhaupt inszenierbar ist. In verschiedenen Konstellationen wird das einerseits erprobt und andererseits stets wieder verworfen. In Aufführungen, Lesungen, als Rap – immer neu, immer vorläufig. Lesen als Weigerung eines Abschlusses – sowohl mit Texten als auch mit geliebten Personen.
Auch DIE GETRÄUMTEN von Ruth Beckermann sucht in der Form der dialogischen Lesung und der Probe nach Wegen, zu der zwischenmenschlichen und literarischen Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan eine historische Beziehung zu stiften. LE BEAU DANGER von René Frölke zeigt, wie Literatur durch ihren Betrieb inszeniert wird – und setzt die Texte und die Präsenz Norman Maneas fast dagegen. Als Zuschauer:innen müssen wir seine Texte im Film selbst lesen, um Nähe und Distanz zwischen Autor und Text zu spüren.
Auf sehr unterschiedliche Weise widmen sich die drei Filme also möglichen Inszenierungen von Texten. Ist deren widerständige Wiederholung, deren fragile Zugewandtheit, deren historische Abstraktion überhaupt in filmische Gegenwart übersetzbar? Darüber – und über die Formen, mit denen die Filme Texten begegnen – haben wir nach den Filmen jeweils Gelegenheit zu sprechen. Heute mit Angela Summereder, morgen mit Prof. Kai Sina, am Mittwoch mit René Frölke.
Als Leiter eines Dokumentarfilmfestivals liegt mir noch weiterer Unterschied zwischen dem äußerlichen Beobachten von Lesenden wie in Bennings READERS und den hier gezeigten Filmen am Herzen. Denn Menschen schlicht beim Lesen zu beobachten, wirft keine größeren Fragen in Bezug auf das Dokumentarische auf. Die Filme, die wir in den kommenden Tagen sehen werden, schon. Denn sehen wir überhaupt noch Dokumentarfilme, wenn in ihnen Texte inszeniert werden?
Birgit Kohler hat diese Frage 2011 bejaht und schlug für solche Filme den Begriff der „Performing Documentary“ vor – für Filme, die „das ihnen zugrunde liegende, recherchierte dokumentarische Material buchstäblich in Szene setzen“ und dabei ihre eigene Rolle bei der Herstellung von Wirklichkeiten sichtbar machen.
B WIE BARTLEBY und die Filme, die wir in den nächsten Tagen sehen werden, gehen noch einen Schritt weiter. Wir werden Filme sehen, deren Textmaterial nicht einmal mehr dokumentarisch ist, deren filmische Verfahren aber nach wie vor als dokumentarisch verstanden werden können. Nicht die in Texten verbriefte Realität wird inszeniert, sondern die Fiktion und die Materialität der Texte wird im Modus des Dokumentarischen filmisch erfahrbar. Die Fiktion der Texte wird nicht zur Fiktion der Filme – sondern als reale, gegenwärtige Praxis der Rezeption sichtbar. Wir sehen Text in Szene gesetzt durch filmische Lektüre.
An dieser Stelle danke ich besonders Frieda Horstmann und Patrick Holzapfel, die drei Filme zusammengestellt haben, die erlauben, diese abstrakten Gedanken konkret nachzuvollziehen – die erlauben, die Kraft und Gegenwart von Literatur und ihre lesende Öffnung durch Angela Summereder, Ruth Beckermann und René Frölke zu erfahren.
Was wir hier in den nächsten Tagen sehen werden, lässt sich also vielleicht nicht nur als eine Reihe von Filmen beschreiben – sondern auch als eine Reihe von gemeinsamen Lektüren.
Passend dazu wäre dieses Plädoyer nichts anderes als ein erster, sehr vorläufiger Versuch, einen Text in Szene zu setzen. Nicht auf Ihr Urteil hin – sondern um Sie einzuladen. Zu einer guten Lektüre und einer guten Projektion.
Alexander Scholz, 2026
- B WIE BARTLEBY filmclub münster, So, 3. Mai 2026
- DIE GETRÄUMTEN filmclub münster, Mo, 4. Mai 2026
- LE BEAU DANGER filmclub münster, Mi, 6. Mai 2026










Fotos: Filmwerkstatt Münster / Viktor Tarnowski