Dokumentarfilm ertasten — Duisburger Filmwoche 25

Text & Bilder von Luca Hoppe

Die Kamera scannt statisch den Boden vor sich. Wieder durchquert ein weißer Streifen das Sichtfeld. In sich bilden sie ein System, das leitet, vorschreibt und normiert. Immer öfter und wieder. Während es für den einen funktioniert, hemmt oder beklemmt es einen anderen gar. Ein anderer Mensch wiederrum, fühlt sich sicherer dadurch.

Die graue Masse, die sich vor unseren Augen auftut, ist wahrlich clean, dunkelgrau, als sei sie frisch aufgetragen. Eine strahlend weiße Markierung zieht vorbei. Straße.

Brücke. Siaka ist Mitten im Lauf, hat Strecke hinter sich gelassen. Verschnauft genießt er die Sicht von einem Erker, der in die frühe Morgenstunde der Donau ragt. Dahinter formen die Hochhäuser eines ungewöhnlich modernen Viertels der sonst so tradierten Stadt ein Zeugnis der Komplexität der Gegenwart.

Die ersten 20 Jahre seines Lebens verbrachte Siaka in Gambia, entschloss dann aber in Europa einen neuen Abschnitt zu starten. Hier steht Siaka, in dem Bewusstsein wie viel Widerstand er für das Jetzt trotzen und für alles, was er noch wünscht zu kommen, brauche.

UNSERE ZEIT WIRD KOMMEN (Regie: Ivette Löcker)

Es kribbelt und brabbelt, die Blasen knistern, als sie an der Unterseite des Rumpfes platzen. Finger einer Hand räkeln sich wie die eines Kindes, das zum ersten Mal die Luft einer neuen Welt versucht zu ertasten. Den Lärm der Überwelt verschluckend, kommen wir an – le lac. Aus einem runden Dachfenster schaut man hinauf zum Himmel, sanft schwankend tanzt der Mast.

Bevor man erlaubt anzukommen, finden wir uns weich eingebettet vom wohligen Ton im Abteil eines Zuges wieder. Die beiden Protagonisten sind auf dem Weg, der Blick verliert sich in der Hoheitlichkeit der Wolken.

In Eile werden die Segelboote bezogen und inspiziert, alles ist bereit. Das Rennen passiert. Hektik, Wellen, Pfeifen, ein jeder drängt sich dicht am Ufer, bis nur noch ein Segelboot den Weg teilt. Es wird dunkel, es stürmt, wieder wird es hell, es windet, die Sonne scheint. Wie große Tränensäcke sammelt sich sein Atem unter seinen Augenliedern, sie sucht ihn, nackt steigt er zurück auf das Boot.

Ein See, doch eigentlich so klar durch die schroffen Schweizer Berge umgrenzt, löst sich. Das Paar verunsichert durch Nichts. Ohne jegliche Kontexte der Zivilisation ist es die Zweisamkeit, die bleibt, der plötzlich so viel Raum erlaubt wird. Konfrontiert mit sich und dem andern, bleibt das Ankommen im puren Miteinander verwehrt.

le lac (Regie: Fabrice Aragno)

Weiß                                                                                      . Räkelnd krümmt sich ein fremdes Haar. Ein filigranes Stück Zellstoff wird dreieckig gepasst, schmückt nun die Schüssel neben sich. Ein Schlauch beugt sich in das Zimmer und schrappt über die glatten Fliesen, riffelt am Türrahmen des Durchgangs vorbei, zudem er umkehrt. Teppichboden klingt dumpfer.

Für eine halbe Umdrehung umkreist die Wäsche schwebend den Orbit, nachdem sie den Rest der Zeit von der metallenen Trommel beschleunigt wurde. i                                                           i                      Zwei winzige blaue Gummihandschuhe, ihr fast bis zu den Schultern reichend, greifen in einen Berg aus klatschigen Bademänteln und durchnässten frotti Sandaletten. Das Telefon klingelt, 312, 311, 310, 116, 74, 138 – alle dreckig.

Grau                                                                                      . Es ist das Boxspringbett, welches sich steif dagegen währt, einen farblosen Überzug zu bekommen. Der Vorhang, der sich schützend vor die kaltweiße Bergkette hängt, ist weiß.                                       

Bloß mögen die Gäste von diesem unperfekten Anblick verschont bleiben
Personale (Regie: Carmen Trocker).