Vom 3. bis zum 9. November fand in Duisburg zum 49. Mal das Festival für Dokumentarfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz statt. Ich selbst war am 7. November vor Ort und konnte das Tagesprogramm verfolgen.
Podiumsdiskussion
Der erste Tagesordnungspunkt war eine Podiumsdiskussion zum Thema „Zusammenhalt statt Stillhalten: Über ein Unbehagen im Kulturbetrieb“. Leider habe ich den Großteil der Diskussion verpasst, konnte jedoch das Ende miterleben. In dem Teil, den ich mitbekommen habe, ging es um Geld, Machtstrukturen und deren Ausnutzung. Außerdem äußerte eine Politikerin aus dem Publikum, dass die Kulturszene Lobbyarbeit leisten müsse, damit ihr die Gelder nicht gestrichen werden. Die Filmhäuser und Werkstätten in NRW versuchen dies bereits neben ihren anderen Aufgaben.
Ich persönlich bin der Auffassung, dass Kultur keine Lobby brauchen sollte. Wenn wir erwarten, dass Kulturschaffende sich zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben auch noch um politische Sichtbarkeit bemühen müssen, nur um am Ende das Existenzminimum zu erhalten, sieht es düster aus für die Kulturszene. Ein Blick in die Kulturhauptstadt 2025 – Chemnitz – zeigt genau das: Dort war geplant, einen Großteil der Kinder- und Jugendarbeit zu streichen, darunter auch die Filmwerkstatt Chemnitz, die bereits viele Auszeichnungen für ihre pädagogische Arbeit erhalten hat. Dieses Beispiel unterstreicht meinen Punkt, dass Kultur für die meisten Politiker:innen nur dann wichtig ist, wenn sie selbst davon profitieren oder großer öffentlicher Druck besteht.
Da frage ich mich, ob das wirklich ein System ist, in dem Kultur frei sein kann. Kunstschaffende sollten andere Aufgaben haben, als sich darum zu kümmern, dass ihre Gelder nicht gestrichen werden.
Filme und Diskussionen

Nach der Diskussion ging es nahtlos weiter mit dem ersten Film „LE LAC“ von Fabrice Aragno, der eine Laufzeit von 80 Minuten hatte. Der Film zeigt mehrere Segeltouren mit einem Paar – mit kaum gesprochenen Worten und vielen schönen Kameraeinstellungen. Im anschließenden Gespräch mit dem Regisseur stellte eine Person aus dem Publikum die Frage, ob dieser Film denn wirklich dokumentarisch sei. Obwohl zu Beginn betont wurde, dass der Talk nicht dazu gedacht sei, diese Frage zu diskutieren, wurde die meiste Zeit genau dafür verwendet. Ich persönlich finde diese Frage überflüssig, da der Film zum einen ein Gefühl vermittelt hat und zum anderen die Jury gute Gründe hatte, ihn in das Programm aufzunehmen.
„ICH HÄTTE LIEBER EINEN ANDEREN FILM GEMACHT“ und ich hätte auch lieber einen anderen Film gesehen. Denn hier erzählt Suse Itzel 24 Minuten lang, ohne Triggerwarnung, über Kindesmissbrauch. Visuell kreativ und schön umgesetzt, jedoch hatte der Film für mich nicht den Raum, den er gebraucht hätte, da ich gerade aus einer Diskussion kam und direkt in dieses schwere Thema geschleudert wurde. Ich hätte den Austausch zu diesem Film gerne miterlebt, jedoch war ich danach sehr aufgewühlt und musste erst einmal die Beine vertreten und etwas essen.
Ich persönlich finde es wichtig, dass solche Filme gezeigt werden, jedoch ist es mir auch sehr wichtig, dass die Menschen, die betroffen sind, die Möglichkeit haben, einem solchen Film aus dem Weg zu gehen, ohne sich immer die Zusammenfassung durchlesen zu müssen. Denn ein Film kann erst richtig wirken, wenn man ihn unvorbereitet schaut. Das Ausbleiben von Triggerwarnungen ist nicht nur ein Problem der Duisburger Filmwoche, sondern ein allgemeines.
Das Highlight des Abends war die Deutschlandpremiere des Films „B WIE BARTLEBY“. Dieser Film setzt sich in 72 Minuten mit dem Buch von Herman Melville auseinander. Besonders die Worte „I would prefer not to“ („Ich würde lieber nicht“) verliehen dem Film eine nachdenkliche Note. Die Regisseurin Angela Summereder arbeitete mit vielen verschiedenen Gruppen zusammen, um eine Art Adaption des Buches in Filmform zu schaffen und dabei unterschiedliche Perspektiven auf Arbeit einzufangen. Kaum jemand im Publikum wird den Film vollständig verstanden haben, da er sehr kontextlos beginnt und zu beginn keine klare Struktur aufweist. Der anschließende Talk war sehr lebhaft. Die Frage, ob dieser Film dokumentarisch sei, kam jedoch nicht auf, obwohl er sich eher wie ein Theaterstück anfühlte – unter anderem, weil Schauspielerinnen die Texte spielten bzw. sprachen. Dabei hatte jede Schauspielerin eine andere Art, die Texte zu interpretieren, doch die Bedeutung blieb gleich.

Insgesamt war der Ausflug eine augenöffnende und inspirierende Erfahrung. Zu sehen, dass Dokumentarfilm auch anders sein kann als das Klassische, ist für viele Filmschaffende wichtig, um Projekte neu zu denken – auch wenn am Ende vielleicht jemand fragt, ob diese Arbeit nun dokumentarisch war oder nicht.